Information
für Angehörige von Suchtgefährdeten und Suchtkranken
1.
Suchen Sie Information, Rat und Hilfe
Werden Sie aktiv und stellen Sie sich der Realität,
dass sich Ihre Lebensumstände trotz aller Bemühungen
weiter verschlechtert haben. Gestehen Sie sich ruhigen Gewissens
ein, dass Sie einen anderen Menschen letztlich nicht kontrollieren
oder verändern können. Suchen Sie Hilfe bei anderen
Menschen, die Ihre Lebenssituation kennen, verstehen und Sie
unterstützen können. Schließen Sie sich einer
Selbsthilfegruppe an, wenden Sie sich an eine Beratungsstelle
oder suchen Sie sich geeignete psychotherapeutische Hilfe.
2.
Machen Sie Ihre Gesundheit zu Ihrer Hauptaufgabe
Wenden Sie sich Ihrem eigenen Leben wieder zu.
Setzen Sie Ihre Kraft, aufbauend auf der Erkenntnis, einen
anderen nicht verändern zu können, sondern nur sich
selbst, ausschließlich für Ihre eigene Gesundung
wieder ein.
3.
Verbinden Sie sich mit einer Gruppe, in der Menschen sind,
die die gleichen Probleme zu überwinden haben wie Sie
selbst
Wenn Sie ein suchtkrankes Kind haben, so schließen
Sie sich z.B. einem "Elternkreis" an, oder suchen
Sie Angehörigengruppen der verschiedenen Selbsthilfegemeinschaften
auf. Je nachdem, welches Leid Sie erlebt haben, es gibt die
verschiedenen Selbsthilfegruppen, in denen sich Menschen mit
gleicher oder ähnlicher Erfahrung zusammengefunden haben.
Die Information über die verschiedenen Gruppen können
Sie bei allen Beratungsdiensten erhalten. Der Anschluss an
eine solche Gruppe bedeutet den Schritt heraus aus der bisherigen
quälenden Selbstisolation.
4.
Entwickeln Sie Vertrauen und Gelassenheit
Entwickeln Sie die Gelassenheit, dass es eine
größere Macht gibt, als Sie es selber sind. Vertrauen
Sie auf die Kraft, die Ihnen die Gemeinschaft geben kann und
entwickeln Sie Ihre Fähigkeit zu akzeptieren, dass das
Leben seinen Verlauf nimmt und Sie letztlich "nur"
Ihren eigenen Weg bestimmen können. Dies ist die Voraussetzung
dafür, Ihr kontrollierendes Verhalten aufgeben zu können
und Vertrauen zu entwickeln. Es ist die Grundlage, um den
Teufelskreis des Schwankens zwischen machtloser Kontrolle
und hilflosem Ohnmachtserleben zu verlassen.
5.
Beenden Sie Ihre Versuche, das suchtkranke Familienmitglied
kontrollieren zu wollen
Lösen Sie sich von dem suchtkranken Familienmitglied
ab und gehen Sie davon aus, dass dieses Familienmitglied,
für das Sie bisher immer wieder versuchen, die Verantwortung
zu übernehmen, genauso fähig ist, wie Sie selbst.
Geben Sie dem abhängigen Familienmitglied die Verantwortung
für sein Leben wieder in seine Hände. Nehmen Sie
ihm/ihr nichts ab, was er/sie selbst tun kann. Wenn Sie der
Grund sind, dass das abhängige Familienmitglied zur Zeit
kein Suchtmittel einnimmt, können Sie auch der Grund
sein, wenn der/die Abhängige wieder rückfällig
wird.
6.
Lernen und üben Sie, sich nicht mehr in psychologische
Spiele zu verstricken
Das hier gemeinte "Spiel"-Konzept
wurde in der Transaktionsanalyse, einer Form der Psychotherapie,
entwickelt. Mit "Spiel" ist gemeint, dass z.B. zwei
Menschen in einer starren, festgelegten und auch vorhersehbaren
Weise miteinander umgehen, die den Beteiligten in der Regel
nicht bewusst ist. Die Beteiligten können dadurch sowohl
persönliche Nähe vermeiden, verhindern, dass positive
und auch neue Erfahrungen gemacht werden können und sich
wechselseitig persönlich enttäuschen und negative
eigene Haltungen gegenüber dem eigenen Leben immer wieder
aufs Neue bestätigen. Aus Spielabläufen "auszusteigen"
ist nicht einfach und will geübt sein. Wenn Sie dies
lernen, wird es Ihnen gelingen, unfruchtbare Auseinandersetzungen
zu beenden oder sie nicht entstehen zu lassen. Wenden Sie
sich, um dies zu lernen, an Ihre Gruppe, Ihren Berater/Beraterin
oder Therapeuten/Therapeutin.
7.
Lernen Sie Ihre eigenen Probleme, Nöte und Sehnsüchte
besser kennen
Begeben Sie sich alleine und mit Hilfe anderer
auf eine Entdeckungsreise in Ihr eigenes Inneres. Erforschen
Sie die verschiedenen Bereiche Ihrer eigenen Existenz und
machen Sie mit sich selbst in Gelassenheit eine Bestandsaufnahme,
welche Bereiche Ihres Lebens unausgefüllt oder problematisch
sind. Wenden Sie sich in Ehrlichkeit sich selbst zu. Entdecken
Sie auch die unerfüllten Sehnsüchte und Hoffnungen.
Eine solche Bestandsaufnahme ist notwendig, weil Menschen,
die mit Abhängigen zusammen sind, dazu neigen, sich selbst
abhängig zu machen und anderen die Schuld dafür
zu geben, dass sie selbst unzufrieden sind. Eine solche Haltung
beinhaltet das Verleugnen der eigenen Fehler und der eigenen
Entscheidungsfreiheit. Eine ehrliche Bestandsaufnahme ist
die Voraussetzung, um diese Freiheit gewinnen und nutzen zu
können.
8.
Entwickeln Sie Ihre eigenen Interessen und gestalten Sie Ihr
Leben positiv
Werden Sie zum Förderer Ihres eigenen Lebensglücks.
Nehmen Sie Ihre Bedürfnisse und Interessen wahr und erfüllen
Sie sich Ihre Wünsche nach Kontakt und neuen Erfahrungen.
Wenden Sie sich dem zu, was Sie bisher auf die lange Bank
geschoben haben. Lernen Sie, sich Gutes zu tun und Ihr eigenes
Dasein mit Leben zu erfüllen.
9.
Pflegen und entwickeln Sie Ihre persönliche Autonomie
Setzen Sie Ihr eigenes Wohlergehen und Ihre
Aktivitäten an erste anstatt an letzte Stelle. Seien
Sie sich selbst wert. Nehmen Sie Ihre eigenen Wünsche
und Bedürfnisse wichtig und nehmen Sie wahr, dass es
Ihre Aufgabe ist, diese zu verwirklichen. Gehen Sie davon
aus, dass die anderen Menschen das gleiche Recht haben und
auch die gleiche Verantwortung für die Verwirklichung
ihrer persönlichen Wünsche. Entdecken Sie, dass
Sie autonom sind, mit anderen autonomen Menschen in Kontakt
treten und stehen können. Leben Sie Ihr eigenes Leben
und schöpfen Sie Ihre Möglichkeiten aus. Sie selbst
und Ihre Beziehungen werden wie von selbst ehrlicher und reifer.
10.
Lassen Sie andere an Ihren Erfahrungen und Lernprozessen teilhaben
Dies ist der letzte Schritt in Ihrem Genesungsprozess
und bedeutet, dass Sie als Angehöriger anderen Menschen,
die noch in der Situation sind, in der Sie früher einmal
waren, offen und gleichwertig Ihre eigenen Erfahrungen anbieten
können. Sie können andere an Ihren Fähigkeiten
und Ihrer Wärme teilhaben lassen ohne, wie das früher
einmal der Fall war, dafür Gegenleistungen zu erwarten.
Dies hilft anderen weiter, stärkt aber auch Sie vor einem
Rückfall in alte Gewohnheiten. Sie können anderen
Hoffnung geben und sich selbst anerkennen für Ihren eigenen
Genesungsweg.
Diese Empfehlungen entstanden aus unserer langjährigen
Arbeit mit Angehörigen Suchtkranker und beziehen sich
in der Systematik auf das Buch von R. Norwood, "Wenn
Frauen zu sehr lieben - die heimliche Sucht, gebraucht zu
werden".
Wetzlar, Oktober 2010, M.
Kraus, Dipl.-Psychologe